Besuche in den Gedenkstätten und dem Museum des KZ-Außenlagers Lieberose/Jamlitz

Besuche in den Gedenkstätten und dem Museum des KZ-Außenlagers Lieberose/Jamlitz

Am vergangenen Donnerstag besuchte ich die Gedenkstätte des KZ-Außenlagers Lieberose in Jamlitz und das Museum zur Gescichte des Lagers in Lieberose.

Das Lager war ein Außenlager des KZ Sachsenhausen mit dem Kürzel „LIRO“. Es war ein Arbeitslager in dem nach dem Grundsatz „Vernichtung durch Arbeit“ vorwiegend jüdische Häftlinge inhaftiert waren, um für den Bau des SS-Truppenübungsplatzes als billige und rechtlose Arbeitskräfte missbraucht zu werden. Es zählte zu den Arbeitslagern mit besonders möderischen Arbeits- und Lebensbedingungen. Die ersten 22 Häftlinge wurden im Herbst 1943 nach Jamlitz gebracht. Ihre erste Aufgabe war es, das Lager selbst zu errichten. Dieses bestand bald aus sechs Wohnbaracken, der Küche, dem Krankenrevier und zwei Sanitärbaracken. In den Wohnbaracken gab es keine Toiletten und Wachgelegenheiten.

Bis zum Frühjahr 1944 kamen weitere Transporte mit Häftlingen aus Sachsenhausen und Groß-Rosen. Dies waren vorwiegend politische Häftlinge aus verschiedenen Ländern Europas. Im Sommer 1944 wurde das Lager auf 18 Baracken erweitert. Am 5. Juni 1944 trafen erste große Transporte jüdischer Häftlinge aus Auschwitz ein. Sie stellten bald die größte Gruppe im Lager. Das Lager war fest in das System der „Endlösung der Judenfrage“ integriert und wurde so zum Bestandteil der Shoa.

Arbeitsunfähige Häftlinge wurden zurück in das KZ Sachsenhausen und vor allem zum KZ Auschwitz und zum KZ Natzweiler transportiert und dort in den Gaskammern ermordet. Nach der Schließung der Gaskammern in Auschwitz im Herbst 1944 wurden diese Häftlinge in besonderen, extra eingezäunten Baracken innerhalb des Lagers untergebracht. Obwohl in dem Lager nur 4.300 Häftlinge in der Zeit seiner stärksten Belegung lebten, gingen während der 15 Monate seiner Existenz 11.000 bis 12.000 Häftlinge durch das Lager. Viele Tausende starben.

Im Februar 1945 wurde das Lager aufgelöst. 600 meist kranke und jugendliche Häftlinge wurden mit der Bahn nach Sachsenhausen transportiert und dort ermordet. Von den übrigen mehr als 3.000 Häftlingen des Lagers mussten ca. 2.000 von Lieberose nach Sachsenhausen laufen, was für unzählige von ihnen den Tod bedeutete. Die letzte Wegstrecke vom KZ-Nebenlager in Falkensee konnten die Häftlinge nicht mehr laufen und wurden mit LKW und der S-Bahn weiter transportiert. In Sachsenhausen erfolgte eine weitere Selektion, ein Teil wurde in der Genickschussanlage des KZ ermordet, andere kamen in das Nebenlager „Klinkerwerk“, viele weitere – vor allem jüdische Häftlinge – wurden in die KZ Mauthausen, Dachau, Flossenburg und Bergen-Belsen verbracht, wo viele von ihnen ermordet wurden.

Die kranken und arbeitsunfähigen Häftlinge, die im Außenlager Lieberose verblieben waren, wurden in einer groß angelegten Mordaktion erschossen und in Massengräbern verscharrt. 1971 wurden 577 Skelette ehemaliger Häftlinge in der Staakower Kiesgrube exhumiert. Die Urne mit der Asche dieser Funde wurde neben dem Friedhof der Stadt Lieberose beigesetzt, dort wurde zwei Jahre später auch das Mahnmal gegen Fachismus und Krieg errichtet. 1982 wurde das Museum der KZ-Gedenkstätte unweit des Mahnmals eröffnet.

Ein weiteres Massengrab wurde bisher nicht gefunden. Es wird vermutet, dass dort bis zu 700 weitere Häftlinge verscharrt wurden. Dies wäre das größte bisher unentdeckte Massengrab der Shoa auf dem Gebiet der Bundesrepublik.

Nach 1945 wurde das Lager als sowjetisches Speziallager Nr. 6 Jamlitz genutzt. Es bestand von September 1945 bis April 1947. In dieser Zeit durchliefen ca. 10.000 Häftlinge das Lager, mehr als 3.000 fanden den Tod. Es hatte somit eine der höchsten Todesraten aller sowjetischen Speziallager.
Die Insassen des Speziallagers hatten mehrheitlich niedrige Funktionen innerhalb der NSDAP und ihrer Gliederungen. Es waren auch viele Jugendliche im Lager inhaftiert, vor allem unter diesen gab nach heutigen Erkenntnissen nicht wneige, die als unschuldig anzusehen sind bzw. deren Haftgründe nicht nachvollziehbar sind. Nach Schließung des Lagers wurde ein Teil der Inhaftierten nach Russland, der größere Teil in andere Speziallager der sowjetischen Militäradministration verbracht.

Am Ort der Lager in Jamlitz erinnerte lange Zeit nichts an diese dunkle Vergangenheit. 2003 wurde auf einem Teil des ehemaligen Lagers eine Ausstellung eröffnet, die sich in einem Teil mit der Geschichte vor 1945 und in einem anderen mit der Geschichte nach 1945 auseinandersetzt. Dem ging ein langer und kontroverser Diskussionsprozess voraus, aus dem sich unter anderem das Sachsenhausenkommitee herauszog.

Ich habe diese Gedenkstätten besucht. Leider war ein Gespräch mit der evangelischen Kirchengemeinde, die hierfür die Trägerschaft hat, nicht möglich. Vor Ort ist wenig vom ehemaligen Lager zu sehen. Lediglich alte Kellergewölbe kann man am Rand des Geländes sehen. Ein Teil des ehemaligen Lagers ist mit Einfamilienhäusern bebaut. Die beiden Ausstellungen sind räumlich voneinander getrennt. Erst im Frühjahr wurde ein Teil der Ausstellung zum KZ-Außenlager beschädigt, die Tafeln sind inzwischen jedoch erneuert.

Nach diesem Besuch fuhr ich nach Lieberose, wo sich das oben erwähnte Mahnmal neben dem Urnengrab sowie das Museum über die Geschichte des KZ-Außenlagers Lieberose befindet. Leider habe ich unterschätzt, wie schnell es dunkel wird, eigentlich wollte ich das Mahnmal und das Grab nach meinem Besuch im Museum fotografieren, da war es aber bereits so dunkel, dass man auf den Fotos nichts mehr erkannt hätte. Deshalb verlinke ich hier auf Wikipedia für diejenigen, die einen Eindruck davon bekommen wollen.

Im Museum habe ich mich mit Peter Kotzan getroffen. Er leitet das Museum seit vielen Jahren und ist wohl derjenige, der am meisten über die Geschichte des KZ-Außenlagers weiß. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern im Gedenkstättenverein Lieberose e.V. hat er in ehrenamtlicher Abeit eine umfangreiche Sammlung aufgebaut und sehr viele Einzelschicksale recherchiert. Das ist aus meiner Sicht auch die Besonderheit der Ausstellung. Sie widmet sich den einzelnen Menschen, die im KZ gelitten haben. Mit sehr vielen Überlebenden hat Peter Kotzan Kontakt gehabt und die Ausstellung erreicht durch die vielen Originalerinnerungen einen besondere Tiefe. Ich war wirklich beeindruckt.

Das Museum selbst ist zwar recht klein und eng, jede kleine Ecke ist mit Ausstellungstafeln voll gestellt. Deshalb wirkt die Ausstellung vielleicht nicht ganz so professionell, wie man erwartet, man merkt aber, dass jede einzele Tafel akribisch recherchiert und liebevoll zusammen gestellt ist. Einige Teile der Ausstellung sind auch gemeinsam mit SchülerInnen erarbeitet worden. Das ist auf jeden Fall eine der ergreifendsten Ausstellungen, die ich bisher besucht habe und ich empfehle deshalb unbedingt, sich dies einmal anzuschauen und die Gelegenheit zu nutzen, sich von Peter Kotzan alles erklären zu lassen. Er freut sich besonders auch über den Besuch von Schulklassen und Jugendgruppen!

Es gibt aber auch Probleme: Peter Kotzan berichtete, dass das Mahnmal gegen Fachismus und Krieg dringend sanierungsbedürftig ist und dafür bisher das Geld fehlt. Ich habe angeboten, hier helfend tätig zu werden.

Es war ein sehr interessanter Besuch bei den Gedenkstätten und im Museum. Mir wurde besonders deutlich, wie wichtig das ehrenamtliche Engagement in der Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit ist. Die wenigen Aktiven leisten hier eine sehr wichtige Arbeit und wir tun gut daran, weiterhin daür zu streiten, dass dieses Engagement gesellschaftliche gewürdigt wird und die oftmals nicht sehr großen finanziellen Bedarfe nicht an bürokratischen Hürden scheitern!